In den ersten beiden Beiträgen unserer VC-Serie ging es um Europas erblühende Gründerszene und um Lars Hinrichs' bemerkenswertes Hackfwd-Programm, mit dem er sich als echter Risikokapitalgeber erweist und mit einem zeitgemäßen, neuen Ansatz dem von vielen Möchtegern-VCs zunehmend ad absurdum geführten VC-Gedanken neue Impulse verleiht.
Das Paradoxe an Venture Capital
Das Paradoxe an Venture Capital ist ja: Je risikoscheuer ein VC agiert, desto risikanter wird er für seine Geldgeber. Denn übervorsichtige VCs können nicht mehr annähernd die exorbitanten Renditen erzielen, die sie ihren Kapitalgebern versprechen (s. Risk and Return).

Anleger, die das VC-Geschäft verstanden haben, werden deshalb Fonds von VC-Gesellschaften tunlichst meiden, die vor allem auf Nachahmer-Strategien setzen, weil sie sich an fünf Fingern abzählen können, dass sie auf klassische Weise (an der Börse, etc.) mit wachstumsstarken, aber sehr viel bewährteren Unternehmen ähnlich gute Renditen erzielen können - bei weitaus geringerem Risiko.
In den USA läuft deshalb schon seit längerem die Debatte, ob und warum die VC-Branche "broken" ist und ob sich das VC-Modell generell überlebt hat. Über die Ursachen für das Versagen scheiden sich die Geister. Im Ergebnis sind sich aber alle einig: Die VC-Branche hält nicht, was sie verspricht.
Das stimmt in dieser absoluten Form natürlich nur bedingt. Denn einige wenige VCs halten - schon seit Jahrzehnten - sehr wohl, was sie versprechen. Und in der Regel sind das auch die begehrten VCs.
Branchenexperten trennen deshalb sehr klar zwischen den "echten" VCs, die tatsächlich eine ernsthafte VC-Strategie fahren, und den vielen Möchtegern-VCs, die bei jedem Investment auf Nummer sicher gehen wollen und so allenfalls als bessere Vermögensverwalter durchgehen.
Ein erfolgreicher VC kann sich bis zu 8 Totalausfälle leisten
Das Geschäft eines echten VCs mag vielen suspekt erscheinen. Es ist aber relativ einfach: Bei 10 Investments kann sich ein erfolgreicher VC bis zu 8 Totalausfälle leisten, wenn er ein bis zwei absolute Erfolgsgeschichten hat.
Die Kunst eines VCs ist es eben nicht, wie sich das der typische, auf hohe Sicherheit bedachte Anleger vorstellt, das Risiko zu minimieren und auf diese Weise gute, aber überschaubare Renditen zu erzielen, sondern das Risiko überschaubar hoch zu halten und auf diese Weise maximale Renditen zu erzielen.
Die nötigen ein bis zwei Erfolge wird ein VC im Schnitt nur dann vorweisen können, wenn er auch 10 Anläufe nimmt und 10 entsprechend vielversprechende (=riskante) Unternehmen in sein Portfolio nimmt.
Sobald er damit beginnt und sein Geld bewusst in risikoarme (=renditeschwache) Investments steckt, sinkt seine Erfolgswahrscheinlichkeit gegen Null.
Innovationsbewusstsein ist für VCs unabdingbare Voraussetzung
Wenn wir also immer wieder bemängeln ("Das Dilemma der deutschen Investorenszene"), dass VCs zu wenig innovationsfreudig sind, dann ist das nicht der Wunschvorstellung geschuldet, dass sie Geld in jede noch so absurde Idee stecken, sondern der Wunsch nach einem Innovationsbewusstsein, das für jeden ernsthaften VC unabdingbare Voraussetzung ist, um die nötigen Mindestrenditen erzielen zu können.
Wie in früheren Beiträgen beschrieben ("Das verlorene E-Commerce-Jahr 2008"), braucht es dazu die richtigen Leute, die nicht nur das Risiko, sondern vor allem auch das Potenzial einer Geschäftsidee erkennen und richtig beurteilen können.
Das Bemerkenswerte am Hackfwd-Programm und den vielen neuen VC-Programmen, mit denen eine neue Investorengeneration nun für Furore sorgt, ist, dass sie in der Ideenauswahl volles Risiko gehen, dabei aber ein möglichst professionelles Umfeld bieten. Das ist eine sehr spannende, neue Entwicklung, die derzeit zu beobachten ist und die einen optimistisch für die Zukunft stimmt.
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