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Dass der Buchbegriff dem Nachdenken über Zukunftslösungen im Wege steht, habe ich hier (http://bit.ly/xGtxrr) und hier (http://bit.ly/zLQ4HR) darzustellen versucht. Man sollte den Buchbegriff der künftigen Print-Nische überlassen und sich ansonsten von ihm emanzipieren. Sonst enden die Gedanken der meisten Beteiligten beim Nachsinnen über die Zukunft doch wieder nur bei irgendwelchen Buch-Derivaten.


P.S. Ich denke auch nicht, dass es längerfristig primär um ein "Prinzip Lesen" gehen sollte, da die Schriftdominanz, die Bücher bisher charakterisiert hat, angesichts der neuen grenzüberschreitenden technischen Möglichkeiten infrage gestellt wird. Es geht aus meiner Sicht eher um ein "Prinzip Kunde", das gerade die Buchbranche stärker verinnerlichen muss. Die Interessen der Kunden sollten dann mit allem bedient werden, was passt - also nicht nur Lesematerial. - Leider werden solche Überlegungen in der allgemeinen Buchbranchen-Diskussion durch alte Muster weckende Schlagworte wie "Prinzip Buch" oft überdeckt. Damit schadet die Branche sich aber nur selbst, was am Ende ihr Pech ist. :)

Das "Prinzip Lesen" war nur eine Anspielung auf das "Prinzip Buch". Ich denke, die Vorstellung von einem "zeitgemäßen Leseerlebnis" trifft es am besten.

Das Erlebnis kann ja dann gerne auch Video/Audio/Gaming/Social/Web- Elemente enthalten.

Sobald man sich aber ganz radikal vom Text/Lesen entfernt, überfordert man nicht nur die Verlagsbranche, sondern vor allem auch die "Autoren".

Die Kundenorientierung finde ich für die Entwicklung von Angeboten innerhalb einer Gattung spannend, aber um geeignete Begriffe/Gattungen zu entwickeln, eher hinderlich.

Die Entscheider in den Verlagen sollten dadurch nicht überfordert sein, sonst hätten sie ein ganz anderes Problem. Was die breitere Branchen-Diskussion betrifft, gebe ich Dir Recht. Daher betreibe ich ja auch eine Plattform namens "Ich mach was mit Büchern" und kann dadurch Vieles erfolgreich kommunizieren, was sonst ignoriert würde. Hier ist es meiner Erfahrung nach immer enorm wirkungsvoll, wenn man die Menschen und deren Ziele sowie deren "Währung", in der sie denken, in den Mittelpunkt rückt und weniger die Technik und den Wandel als Selbstzweck.

Wenn ich Kunde sage, meine ich v.a. den Endkunden. Bisher sind die meisten Verlage ja eher B2B-orientiert, d.h. auf den Buchhandel. Da tut sich nun eine neue Welt auf, die erstmal erkundet werden muss, um zu wissen, welche der vielen technischen Möglichkeiten auch zielführned sind.

Gerade die Entscheider in den Verlagen sind davon überfordert - oder welcher der etablierten Verlage hat heute nicht noch das Buch im Kopf, wenn er Apps macht?

Auch die e"Books"-Debatte ist bezeichnend für eine sehr rückwärtsgeführte Debatte in die Zukunft. Das iPad ist im Prinzip der Fluch der Verlagsbranche, weil man sich wieder am gewohnten Blätterprinzip orientieren kann.

Persönlich glaube ich, dass man die Zukunft nicht gestalten kann, wenn man die Vergangenheit als Referenz nimmt. Deshalb referenziere ich lieber auf das Thema Lesen/Schreiben/Publizieren als auf Bücher, spreche bewusst nicht von Produkten, sondern von Angeboten, etc.

Das Problem ist doch: Buchverlage sehen das Buch leider nicht als Medium (i.S.v. ein "Mittel" zum Zweck), sondern als ultimative Lösung, um (Fach-)Literatur zu veröffentlichen.

Das Buch ist aber auch nicht das Problem der Branche, sondern die Ahnungslosigkeit, was die neuen Publishing-Möglichkeiten (jenseits von Apps und eBooks) angeht. Und das ist den arrivierten Marktteilnehmern, größtenteils ja Offliner, auch sehr schwer zu vermitteln.

Sonst wäre da erheblich mehr Enthusiasmus zu spüren ;)

Das ist ja genau der Grund, warum ich gegen den Buchbegriff argumentiere, weil er den Blick auf die Zukunft verstellt mit all seiner Ausstrahlung und Historie. Das ist auch nur bedingt vergleichbar mit anderen Branchen, welche Wirkung dieses Wort allein schon hat. Die Ebene Lesen/Schreiben ist auf jeden Fall besser für den Moment.

Dass in Umbruchsphasen zunächst alte Medien auf neue Techniken übertragen werden, kommt ja oft vor. Siehe andere Medienbranche oder die Geschichte. Manche Entscheider mögen auch gedanklich überfordert sein. Für Häuser wie Haufe u.ä. gilt das eher nicht. Ohnehin ist der Buchmarkt da sehr heterogen. Zudem sollte zwischen dem unterschieden werden, was der Börsenverein offiziell von sich gibt, und dem, wie die Sicht in den Verlagen selbst ist.

Die meisten Verlage haben meinem Eindruck nach wenn dann das Problem, dass ihnen unklar ist, wie mit den neuen Angeboten entsprechend Geld zu verdienen ist. Das kann man natürlich auch Überforderung nennen. Es liegt aber eben nicht primär daran, dass sie sich gedanklich nicht vom Buch lösen könnten oder nur auf die Vergangenheit blicken. Es sind eher Fragen des Change Prozesses, der ja gestaltet werden muss, um überhaupt in die Lage zu kommen, diese neuen Angebote machen zu können.

Ein weitere Herausforderung ist die Branchen- und vielfach auch die Unternehmenskultur. Die Häuser sind es nicht gewohnt, technikgetrieben zu agieren und sich stetig neu erfinden zu müssen. Im Rundfunkt ist das teilweise ja auch so. Da stellt sich dann die Frage, ob der Kulturwandel bei den Mitarbeitern so schnell voran geht, wie es notwendig wäre, weil der Markt sich rasant entwickelt und wandelt.

Dazu kommt, dass die Verlage bei den fitten Nachwuchsmitarbeitern, die es heute bräuchte, ja auch in intensivem Wettbewerb stehen. Die Branche hat sich immer stark aus sich selbst heraus rekrutiert. Heute braucht es aber IT-ler u.ä. Leute, die viele Alternativen haben. Warum sollten solche Leute in einen durchschnittlichen Verlag gehen mit all den dortigen Hemmnissen?

Auch die Ausbildung ist ein Thema. Die klassischen Buch-Studiengänge haben bisher auch nur bedingt auf die kommenden Herausforderungen vorbereitet. Ich habe Buchhandel/Verlagswirtschaft studiert. Die "neuen" Medien kamen dort bis zu meinem Abschluss Ende 2007 aber fast gar nicht vor.

Auch jetzt erst wächst langsam ein Start-up-Ökosystem im Publishing heran. Vor ein paar Jahren gab es noch gar nichts, in das die VCs hätten investieren können. Das war auch auf der letzten TOC Frankfurt ein großes Thema.

Eines der großen Probleme sehe ich aber auch dort, dass viele Entscheider die neuen Möglichkeiten nicht selbst ausprobieren, um sie besser einschätzen zu können. Die E-Book-Experimente eines Hans-Joachim Jauch, Geschäftsführer des Oldenbourg Industrieverlags, sind da die große Ausnahme: http://bit.ly/ojLuLT

Selbsterneuerung wird so nicht gelingen. Deswegen ist für mich die Frage ja auch nicht mehr, ob die Buchbranche kollabiert, sondern vor allem, wie. Und viel wichtiger und spannender natürlich, was danach kommt.

Wissen und Bildung sind so riesige, sich schnell entwickelnde Zukunftsfelder, die starke (neue?) Player brauchen. Und ich bin gespannt, wer hier künftig die treibende Rolle übernimmt. Sicherlich nicht die, die im Kern die Auffassung vertreten, dass Wissen nicht geteilt werden darf.

Oder anders gesagt: Die Zukunft der Publishingindustrie ist für mich keine Frage der Technologie, etc., sondern eine Frage der Einstellung.

Bei der Gelegenheit auch noch ein Verweis auf Marcels Anmerkungen zum "Job der Buchbranche"
http://www.neunetz.com/2012/02/20/der-job-der-buchbranche/

Beim bvh hat Martin Groß-Albenhausen das Thema aufgegriffen - "Erfindet Opas Verlagshaus neu!"
http://blog.versandhandel.org/bvh-blog/blog-post/2012/02/20/erfindet-opas-verlagshaus-neu/

Vielen Dank für diese teilweise gut informierte Außensicht. Darf ich mich mit folgendem Beitrag für die Zeitschrift BuchMarkt "revanchieren"? http://www.buchmarkt.de/content/50076-michael-lemster-zur-asymmetrischen-kriegsfuehrung-um-das-urheberrecht-.htm

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