Erst die Banken, dann die Belegschaft. Obwohl Arcandor, sprich: Karstadt und Quelle, am Abgrund stehen, musste sich das Arcandor-Management in der vergangenen Woche auf weitere faule Kompromisse einlassen.
Der am Kreditlimit operierende Arcandor-Konzern muss weiter auf die Kostenbremse drücken und will, sofern er solange durchhält, in den kommenden drei Jahren weitere 345 Mio. Euro an Personalkosten einsparen.
Doch statt die Belegschaftsstärke rechtzeitiger den Markterfordernissen, sprich: dem nachlassenden Kundeninteresse, anzupassen, wird der Kostendruck nun per "Zukunftspakt" an alle Mitarbeiter weitergegeben. Alle dürfen an Bord bleiben und setzen damit das Gesamtunternehmen und die Arbeitsplätze aller aufs Spiel.
In diesem Jahr sind im Kaufhausbereich schon die ehemaligen Arcandor-Töchter Hertie, Wehmeyer und SinnLeffers in Insolvenz gegangen, im Versandhandel hat gerade Neckermann die erste große Entlassungswelle hinter sich.
Bitteres Fazit also: Der Arcandor-Vorstand kommt bei den Altlasten nicht voran und sitzt weiter auf zwei überholten Geschäftsmodellen. Die Mitarbeiter dürfen sich allerdings künftig über den von ihnen mitgetragenen Abwärtsstrudel nicht mehr beschweren.
Denn auch wenn die neuen Eigentümer abwinken, ist davon auszugehen, dass
sie mit Hochdruck daran arbeiten, wenigstens den profitablen Reisebereich zügig in einen sichereren Hafen
zu bringen. Was dann aus Karstadt und Quelle wird, sei weiter dahingestellt.
Die Branchenanalysten der Commerzbank waren in der vergangenen Woche die ersten, die für Arcandor ein Kursziel von 1 Euro festgesetzt haben. Nach zwischenzeitlichen Tiefstständen lag der Kurs zuletzt bei 1,68 €.
Geschäftszahlen für das am 30.9. abgelaufene Geschäftsjahr 2007/08 will Arcandor am 15.12. bekanntgeben.
Frühere Beiträge zum Thema:





Warum setzen die Arbeitnehmer das Unternehmen aufs Spiel? Sie sorgen mit dem "Zukunftspakt" für sofortige Einsparungen. Woher soll denn das Geld für Abfindungen bei Kündigungen kommen? Die Details sind ja auch noch unbekannt.
Ob der Pakt für die Arbeitnehmer so klug ist, kann man streiten. Wenn es doch zu einer Kündigung oder Insolvenz kommt, ist die Berechnungsgrundlage für das Arbeitslosengeld niedriger aber bis dahin hat man erstmal ein geregeltes Einkommen. Nicht jeder Mitarbeiter hat überhaupt die Chance einen ähnlichen Job zu finden.
Kommentiert von: Martin H. | 19. Oktober 08 um 23:25 Uhr
Die Frage ist doch: Was ist in diesem Augenblick, bei erwartbar stark sinkenden Umsätzen, das Beste für das Unternehmen?
Kommentiert von: Jochen (Exciting Commerce) | 19. Oktober 08 um 23:51 Uhr
Mit Verlaub, ich finde die Diskussion etwas zynisch. "Baldige Besserung" durch Entlassungen?
Der Kurs würde vermutlich auf eine massive Stellenstreichung kurz mal nach oben zucken, und dann würde man feststellen, dass bald nicht mehr genügend Leute da sind, die noch etwas vom Geschäft verstehen. Die Zufriedenheit der Kunden würde in den Keller gehen und das Geschäft wäre ramponiert. Zudem die verbliebenen Mitarbeiter natürlich denkbar motiviert wären.
Stattdessen tut das Management mal etwas, um nicht nur den Kurz zu pflegen, sondern auch die "stakeholder" zu berücksichtigen, und dann heisst es: Liebe Leute, wenn es dem Laden schlecht geht, seit ihr selber schuld. Warum habt ihr nicht nochmal 500 auf die Rampe gestellt?
Das eine wie das andere löst die Probleme nicht. Aber den nicht üppig bezahlten Mitarbeitern vorzuwerfen, dass sie um ihren Arbeitsplatz kämpfen und dies den (wie wir alle im Geschäftsbericht nachlesen können) sehr gut bezahlten oberen Führungsebenen und Investoren abtrotzen, finde ich korrekt. Und es ist sicher kein billiger "Erfolg" gewesen.
Klar: Jetzt müssen die Konzepte greifen. Da werden die Mitarbeiter sich massiv umstellen müssen. Man sieht ja schon, dass auch der eherne Einkauf nicht mehr das Bollwerk der Vergangenheit ist. Früher hat da keiner irgendetwas aus dem Trott bringen können. Das ändert sich im Moment gewaltig.
Kommentiert von: Martin Gross-Albenhausen | 20. Oktober 08 um 08:59 Uhr
Werden in diesem Artikel die 400 Stellen (ca 25% der Karstadt HV Belegschaft) vergessen die noch gestrichen (mit betriebsbedingten Kündigungen) werden sollen?
Kommentiert von: alki | 20. Oktober 08 um 10:11 Uhr
Ich könnte die Argumentation gut nachvollziehen bei zukunftsfähigen Unternehmen, nicht aber bei - mit Verlaub - Sanierungsfällen.
Zynisch finde ich eher, einen "Zukunftspakt" abzuschließen, bei dem vergleichsweise klar ist, wer am Ende den Kürzeren zieht.
Vielleicht sind mir aber auch nur die zukunftsträchtigen Konzepte entgangen ...
Kommentiert von: Jochen (Exciting Commerce) | 20. Oktober 08 um 10:13 Uhr
@alki: Nein, die werden nicht vergessen. Und es soll auch nicht der Eindruck erweckt werden, als ob die Mitarbeiter Schuld wären an dem Debakel.
Die Frage ist doch vielmehr, wieviele (dann aber gut bezahlte!) Mitarbeiter nötig sind für eine Zukunft mit erheblich weniger Umsatz.
Kommentiert von: Jochen (Exciting Commerce) | 20. Oktober 08 um 10:19 Uhr
Aus einer Unterhaltung zwischen zwei Karstadt-Mitarbeitern: "Erst wird unsere Filiale Premium, gut. Dann machen sie teure Werbung dafür, auch gut. Aber kaum sind die Premium-Kunden bei uns, müssen sie warten. 5 Minuten sind noch ok, aber 15 Minuten nicht mehr - weil zuwenig Personal da ist.
Die ganz guten Mitarbeiter sind schon zu den echten Premiumanbietern gewechselt, weil sie weniger Kunden bedienen müssen und mehr dabei verdienen. Die nicht so guten Kollegen kann man nicht auf verwöhnte Kunden loslassen, die in der Mitte wissen kaum noch, wie sie die Kunden betreuen sollen.
So geht das jeden Tag und wir verlieren die teuer angeworbenen Kunden wieder, ist ja nicht so, dass die keine Auswahl hätten.
Woanders werden sie schneller und kompetenter bedient, bei denen spielt doch der Preis nicht so die Rolle."
Kommentiert von: wingthom | 20. Oktober 08 um 12:09 Uhr
@Jochen: Ich frage mich wieso die einzige Heilung in der Reduzierung der MA Zahlen liegen soll? Laut. Middlehoff sollen ja gerade die operativen Bereiche personell verstärkt werden. Die administrativen Bereiche hatte ich ja bereits angesprochen, die Frage ist WO soll den gekürzt werden?
Die Forderung nach Einsparungen vor allem im MA-Bereich ist immer schnell vorhanden, mir fehlt jedoch eine Begründung.
Kommentiert von: alki | 20. Oktober 08 um 13:42 Uhr
Die einzige Heilung sicherlich nicht. Aber man muss einfach sehen, dass das Unternehmen im Vergleich zu moderneren Versendern (wie Amazon, QVC oder Vente-Privée) insgesamt zuviele Leute an Bord hat.
Die andere Reaktion ist ja, wie bei Quelle angekündigt, unprofitable Sortimente komplett auszulagern (was allerdings auch nicht zu mehr Arbeit im Unternehmen führt).
Klar ist aber auch, dass gerade die Zukunftsbereiche (Online, etc.) hoffnungslos unterbesetzt sind.
Kommentiert von: Jochen (Exciting Commerce) | 20. Oktober 08 um 14:14 Uhr